
Vier Radiojournalisten, zwei in Westdeutschland geboren, zwei in der DDR und vor allem acht fleißige Füße. Das waren die Kerndaten des Projekts "Einheitswandern". Das Lokalradio der Uni Leipzig, mephisto 97.6, schickte zwei Wanderteams quer durch die Republik. Die Wanderer starteten tief im Westen und tief im Osten Deutschlands und trafen sich in der Mitte. Zum 20. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung im Oktober 2010. Der Freundeskreis für Qualität in der Medienkultur e.V. unterstützte das Projekt finanziell. Hier die Team-Berichte.
Wir stehen mit dem Mikrophon etwas hilflos vor einer Frau, die in Tränen ausbricht, als sie uns von ihrem ersten Grenzübertritt erzählt. Bewegende Momente wie diesen haben wir viele erlebt. Und genau wegen diesen Erlebnissen waren wir unterwegs und haben Regen, Nebel, Wind und geschwollene Füße ertragen. Immerhin: Knapp 600 Kilometer weit sind wir quer durch den Osten Deutschlands gewandert.
In den vier Wochen unserer Reise haben wir vor allem eins gelernt: Die Wende hat hier viel verändert. Sie hat Biographien neu geschrieben und Städte umgekrempelt. Und darüber wollen die Menschen erzählen, weil die Sorge groß ist, dass die vielen kleinen Geschichten verloren gehen. Immerhin waren wir nicht in den Metropolen Berlin oder Leipzig unterwegs, sondern in kleinen Dörfern und Gemeinden.
Wir sprechen mit Naturschützern, Widerständlern, Handwerkern oder Landwirten. Sie alle haben die ersten Jahre nach der Wende als Zeit des Aufbruchs empfunden. Es war eine Zeit, in der für sie alles möglich schien. Unbegrenzte Fördergelder, Investoren mit großen Plänen und kaum Bürokratie. Doch die Euphorie wurde nach den ersten Jahren gedämpft. Mitte der 90er Jahre war vielen Menschen klar: so einfach ist die Wiedervereinigung nicht zu haben.
Gerade im ländlichen Raum sind die Folgen der Wende noch deutlicher sichtbar als in den Städten. Oft hören wir die Geschichte von den großen Industriebetrieben, die mit dem Ende der DDR zusammenbrachen und tausende Arbeiter plötzlich, zum ersten Mal in ihrem Leben, auf der Straße standen. Leer stehende Ruinen sehen wir immer wieder auf unserer Wanderung ? und es gibt kaum Ideen, sie wiederzubeleben. Damit sei auch ein Stück Identität verloren gegangen, erklären uns die Menschen.
Andere dagegen konnten sich erst nach der Wende selbst verwirklichen. Wir treffen den Holzkünstler Klaus Kolbe, der immer selbstständig sein wollte, aber in der DDR in einem Kombinat arbeiten musste. Er konnte nach der Wende mit viel Engagement seinen eigenen Betrieb aufbauen und ist heute einer der gefragtesten Holzkünstler Deutschlands.
Unser Weg führt auch viele Kilometer an der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang. Eine der beeindruckendsten Erfahrungen für uns. Vom damals so gnadenlos bewachten Grenzstreifen ist heute kaum noch etwas sichtbar. Nur einige Grenzsteine, ein betonierter Weg, ein alter Wachturm und einige Gedenktafeln. An einem Tag überqueren wir mehrmals die innerdeutsche Grenze. Erst dann wird uns jungen Menschen bewusst, wie frei und ungehindert wir uns eigentlich bewegen können ? und wie selbstverständlich es für uns ist. Und aus Erzählungen erfahren wir, wie selbstverständlich dagegen für viele Bürger das Leben mit der Grenze war. Für uns unvorstellbar, nach wie vor.
Am Ende unserer Wanderung werden wir uns nicht an Blasen und schlechtes Wetter erinnern, sondern an die vielen persönlichen Eindrücke, die wir nun erst einmal verarbeiten müssen.
Aber schon jetzt wissen wir: Keiner der Menschen, die wir getroffen haben, wünscht sich die DDR zurück. ?Die Wende musste sein!? ist der Grundtenor, den wir herausgehört haben.
Nach 24 Kilometer stetig bergauf erreichen wir unser Wanderquartier: In der kleinen Ortschaft Mengershof können wir in einer Gartenlaube schlafen. Es gibt drei Häuser, in denen sieben Menschen wohnen - doch empfangen werden wir wie von einer Großstadt. Unsere Gastfamilie habe schon viel von uns gehört, aber jetzt sollten wir uns doch erst einmal setzen. Bei Kaffee und Kuchen erzählen wir von unserem Projekt.
Einen Monat lang wandern wir knapp 500 Kilometer entlang des Wanderweges der Deutschen Einheit. Unser Weg führt uns von der westlichsten Stadt Deutschlands, Aachen, bis an die ehemalige innerdeutsche Grenze und überall suchen wir Geschichten hinter der Wiedervereinigung. Wir unterhalten uns mit Lehren und Grenzsoldaten, Flüchtlingen und Ausgereisten, die mit uns ihre Erfahrungen eines Lebens in zwei Systemen teilen.
Entstanden ist die Idee vor knapp einem Jahr, als wir überlegt haben, wie wir über 20 Jahre Deutsche Einheit berichten sollen. Gerade weil wir selbst zu jung sind und die Wende selbst nicht mehr bewusst miterlebt haben, hat uns interessiert wie die Geschichten aussehen, die man nicht in Lehrbüchern findet.
In Mengershof ist es die Geschichte eines Ehepaares, das aus der ehemaligen DDR stammt und seit mittlweile 20 Jahren im Westen lebt. Simone und Helfried Kohl sind extra zu Besuch gekommen, um uns ihre Geschichte zu erzählen: Sie haben ein Jahr vor dem Mauerfall einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt. Es folgten tägliche Schikane und Verhöre, bis ihnen nach einem Dreivierteljahr endlich die Ausreise genehmigt wurde. Im völlig überfüllten Zug reiste die Familie dann in den Westen, wo sie von wildfremden Menschen herzlich begrüßt wurde. Die Nachbarn halfen Familie Kohl, wo sie konnten, die Erinnerung treibt dem Ehepaar heute noch Freudentränen in die Augen. Die Eltern und Geschwister wohnen bis heute in der Nähe von Dresden, doch dank der Deutschen Einheit sei das Reisen ja heute kein Problem mehr.
Und so beenden die beiden ihre Geschichte mit einem Fazit, dass wir oft auf unserer Reise gehört haben. Sie sind froh, dass Deutschland wieder ein Land ist. Das zusammenwächst, was zusammen gehört und auch die Grenzen in den Köpfen langsam verschwind